Es hat sich viel aus diesem Besuch ergeben
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Letztens hatte ich mir vorgenommen, wieder mehr zu unternehmen, weil ich meinen Alltag zu sehr in meiner in der gleichen Ecke Essens verbringe. Ich möchte wieder mehr erleben. Sei es, zu erkunden oder Veranstaltungen zu besuchen.
Gestern auf der Arbeit sah ich ein Plakat eines Vortrages, der eine Woche zurücklag. „Schade“, dachte ich zunächst. Geheimnisse in Freundschaften klingt nach einem spannenden Thema. Ich war schon kurz davor, es abzuhängen und in den Müll zu werfen, bis mir der Name der Sprecherin auffiel: Theresa Scholten. Wir beide kennen uns. Zwar nur flüchtig, verstanden uns jedoch bei jeder bisherigen Begegnung immer gut. Aus unseren einzelnen Begegnungen hat sich jedoch nie mehr ergeben. Ich entdeckte auf dem Plakat auch ihre Website freundschaftscoach.com und nach einer kurzen Google-Suche bin ich auf weitere Termine zu Vorträgen gestoßen. Der nächste an der VHS Mülheim: Freundschaft als Gegenmittel zur gesellschaftlichen Einsamkeit und das sogar schon am nächsten Tag. Ich meldete mich direkt an und bin schließlich heute Abend dahingegangen.
Ob sie mich bereits auf der Teilnehmerliste gesehen hatte, weiß ich nicht. Sie freute sich jedoch sehr, mich wiederzusehen. Das Hauptthema aus unseren vergangenen Begegnungen war, wie ich lerne, vor Publikum zu sprechen. Ich habe es bisher einmal gemacht und dabei sah sie mich in Aktion. Daher meinte sie heute zu mir, dass sie sich sehr über mein Feedback freuen würde und ich mich nicht zurückhalten solle. Das habe ich sehr ernst genommen. Ich hatte ein Notizbuch dabei, um mir inhaltliche Notizen ihres Vortrages zu machen, und so nutzte ich auch ein paar Seiten, um spezifisch zu ihr Feedback festzuhalten.
Im Folgenden habe ich ein paar Impulse, die ich während ihres Vortrages festhielt, und anschließend teile ich mit, was sie beim Vortragen gut machte und was meiner Meinung nach verbesserungswürdig wäre:
Impulse
- Gehe proaktiv auf Leute zu
- Du bist alleine durch deine Anwesenheit ein Geschenk für andere Menschen
- Jeder kann von Einsamkeit betroffen sein; sie ist alters- und geschlechtsunabhängig
- Stabilität im Leben (Geld, Arbeit, Routine) reduziert das Risiko auf Einsamkeit
- Erschaffe Alltagsmomente für andere, um die Lebensqualität anderer, aber auch um deine eigene zu erhöhen
Gut gemacht
- Trotz technischer Probleme zu Beginn relativ locker geblieben
- Informationslücke geöffnet: „Wie meine Nachbarn reagierten, teile ich am Ende”; zwischendurch erwähntest du die Nachbarn erneut, was eine indirekte Erinnerung an das war, was wir noch hören wollen
- Publikumsinfos einbezogen: „Die unter Ihnen, die über [Website] hierhergefunden haben”
- Die eingebundenen Denkpausen für das Publikum zum Trinken benutzt
- Badem-Württemberg Einwohneranzahl als Vergleich für 12 Mio. Menschen zur Veranschaulichung genommen
- (Bei Thema: Chronische Einsamkeit) Pausen verwendet; deine Aussagen haben dadurch viel stärker eingeschlagen
- Erst ab der dritten Denkpause hast du dich auf den Stuhl gesetzt, statt zu stehen; ich habe einen Unterschied in mir bemerkt; du bist mit dem Publikum auf eine Ebene gekommen; dass du die Augen währenddessen selbst geschlossen hattest, hat es nur unterstützt
- Persönliche Erzählungen beim Thema Einsamkeits-Spirale haben mich empathischer dir gegenüber werden lassen
- Zitate nie stumpf vorgelesen; du hast immer eigene, ergänzende Formulierungen eingebracht
Verbesserungswürdig
- Die PowerPoint hat oft den Squint-Test nicht bestanden (Kann man jeder einzelnen Folie folgen, wenn sie kleiner wäre und man die Augen leicht schließt?)
- Rede dich nicht runter mit Aussagen wie „[…] kann wahrscheinlich eh keiner lesen […]“ oder „[…] nicht so schön sichtbar an meiner Präsi […]”; ja, der Beamer war wirklich nicht gut, aber das ist in Ordnung, das Publikum gewöhnt sich daran und nimmt es dir nicht übel; viel eher würden sie es dir übel nehmen, wenn du ihre Zeit durch solche Aussagen verschwendest
- „Kommen wir zu Zahlen, Daten, […]” – Überlege dir passende Übergänge im Vorhinein; nutze sie, um Informationslücken zu öffnen; z.B. Bei meiner näheren Recherche über das Thema Einsamkeit, bin ich auf einen sehr erschreckenden / unfassbaren / erstaunlichen Wert aus den Statistiken gestoßen; entfache Neugier
- Sage nichts, was dein Publikum unabhängig vom Thema des Vortrages beleidigen könnte; „Für Leute, die nicht so zahlenaffin sind“; gehe immer davon aus, dass du Fünftklässler vor dir hast, und erkläre deine Information so einfach wie möglich, aber erwähne nicht, dass du es machst
- Beim Präsentieren denkst du zwischendurch nach, was in Ordnung ist, schaust dafür jedoch nach unten; suche dir einen Punkt zum Hingucken auf Höhe der Zuschauer; ich schiele gerne leicht, um immer noch ins Publikum zu sehen, aber meine mentalen Notizen vor mir zu haben
- Beschreibe einfach die Bilder; sag nicht „falls jemand nicht sehen kann” (Squint-Test)
- Nicht nach jeder Pause „Manche würden vielleicht länger […]“ sagen; es einmal bei der ersten Pause zu sagen und zu etablieren reicht; mach dann künftig einfach weiter; du hattest ja vorher auch etabliert, dass es 30 Sekunden dauert
- Betonung starker Wörter fehlte; z.B. „Dr. Langenkamp hat wahnsinnig viel geforscht.“
- Elke Schilling erwähntest du zwei Mal während des Vortrages (meine ich?); nimm es als Anlass, um Vergangenes kurz zu wiederholen
- Beim Gruppenaustausch hattest du keine Zeit etabliert, was dazu führte, dass du eine halbe Minute brauchtest, um die Aufmerksamkeit aller wieder auf dich zu ziehen; ein Timer oder Wecker würde durch seinen Ton helfen können
Am Ende ist Theresa dann auf mich zugekommen und hat mich nach meinem Feedback gefragt. Stift und Zettel hatte sie bereits in der Hand dafür. Nur haben viele Leute aus dem Publikum noch mit ihr reden wollen. Danach wurde die Zeit dann knapp für unsere Feedbackrunde. Zunächst meinte sie, ich solle ihr eben noch kurz die wichtigsten Punkte nennen. Dann änderte sie ihre Aussage noch einmal schlagartig und fragte mich, ob wir uns dafür in den nächsten Tagen gesondert hinsetzen können. Die Idee fand ich gut, weil mal eben kurz Feedback abklappern wirklich nicht effektiv ist. Wir legten uns auf ein Abendessen bei einem Vietnamesen fest. Sie bot mir dann sogar noch an, mich aus Mühlheim wieder zurück nach Essen zu fahren. Super lieb von ihr! Das hatte mich sehr gefreut.
Um mir Zeit für diesen Vortrag zu schaffen, verzichtete ich auf meinen Sport und andere Aufgaben. Das war es jedoch wert, denn aus diesem Abend ist etwas wirklich Schönes geworden. So konnte ich ihr heute ein Geschenk sein.
Es war toll, dich heute gesehen zu haben. Bis die Tage, ich freue mich schon auf unseren Austausch

