Wie ich versuchte einen Bekannten hereinzulegen und es mir sogar gelang
|
|
Ich finde Humor eine tolle Sache, aber ich habe große Probleme damit, den Humor anderer zu verstehen und meinen eigenen zum Ausdruck zu bringen. Gerne mache ich allgemeine Wortwitze, aber insgesamt bleibe ich in Gesprächen immer sehr ernst und aufmerksam. Mir ist es immer wichtig, meinem Gegenüber zuzuhören und alles, was man mir sagt, zu verstehen.
Nur, weil ich immer diese Ernsthaftigkeit habe, erlaube ich mir selber nie einen Spaß und wenn sich mal einer meines Gegenübers einschleicht, dann checke ich es nie. Und wenn ich mir doch mal einen Spaß erlaube, dann checkt mein Gegenüber es nie, weil man diese Ernsthaftigkeit von mir gewohnt ist.
Meine Ernsthaftigkeit hat zwar seine Vorteile. Ich bleibe dadurch oft objektiv, nehme die Inhalte eines Gespräches sehr gut auf und erschaffe Räume, in denen man sich mir gut öffnen kann und Vertrauen schenkt. Diese Eigenschaft möchte ich unbedingt beibehalten, weil das bin ich. Aber ich möchte Situationen, in denen man nicht ernst sein muss bzw. in denen es in Ordnung lockerer zu bleiben, besser erkennen können.
Deshalb sagte ich mir vor einigen Jahren, dass wenn ich eine Möglichkeit geboten bekomme einen Witz zu machen oder jemanden zu Pranken, dann mache ich es. Ich muss mir nur sicher sein, dass es meinem Gegenüber nicht schadet.
In den letzten Jahren kam es leider zu nicht allzu vielen Momenten. Da ich niemanden verletzen wollte, hielt ich mich doch noch viel zu oft zurück.
Im letzten halben Jahr merkte ich, dass ich zwar nicht viel, aber ein wenig lockerer wurde. In Freundesgruppen fielen mir spaßige Sticheleien zwischen Leuten öfter auf und wenn ich mal mit einem meiner Freunde alleine unterwegs war, testete ich mich immer mehr aus. Oft mit den Sticheleien, die ich so aufgeschnappt hatte, und meine eigenen sind nach und nach dazugekommen.
Heute hat sich für mich diesbezüglich eine besondere Gelegenheit ergeben. Ich war abends noch im Rewe für einen kleinen Silvestereinkauf und quer durch den Laden sah ich meinen Nachbarn und Stammgast auf der Arbeit. Wir verstehen uns wirklich gut und klopfen zwischendurch schon mal die ein oder anderen Sprüche. Letztens erzählte er mir, wie sehr ihn der Weihnachtsmarkt aufrege bzw. die Leute heutzutage. Keiner gäbe mehr Acht darauf, ob sie in jemanden hineinlaufen und so wurde er ziemlich oft angerempelt.
Als ich ihn dann im Rewe in einen Gang habe gehen sehen, folgte ich ihm schnell. Ich guckte leicht um die Ecke und wartete bis er weiterging und sein Blick komplett weg von mir gerichtet war. Ich setzte meine Kapuze auf und ging ihm schnell hinterher, bis ich ihn schließlich anrempelte und an ihm vorbeiging. Nach ein paar weiteren Schritten blieb ich stehen und zeigte mich ihm. Bevor er verstand, dass ich es war, sah ich, wie sehr er innerlich am Kochen war. Er war sogar auf eine richtige Konfrontation gefasst und bereitete sich vor mir eine aufs Maul zu hauen, meinte er später zu mir.
Nachdem er dann realisiert hatte, dass ich es war, war er schockiert und wusste gar nicht, wohin mit seiner angestauten Wut. Ich habe ihn so richtig überrascht. Ich legte meine Hand auf seine Schulter und sagte: „Ich bin es. Alles ist in Ordnung.” Und schließlich fing ich so hart an zu lachen und habe eine Minute gebraucht, bis ich mich wieder beruhigen konnte. Er meinte zu mir mit lachendem Unterton, was für ein Arschloch ich doch sei. Es war so gut!
Auch, wenn ich ihm versprach, es nicht nochmal zu machen, wird er es mir eines Tages bestimmt doppelt zurückzahlen (zumindest gehe ich davon aus). Wir hatten dann noch kurz über Alltägliches und Silvesterpläne geredet, bis wir dann wieder entspannt unserer Wege gingen.
Mit Verständnis um Humor und Späßen habe ich immer noch große Probleme, aber ich bemerke Fortschritte. Heute jedenfalls durfte ich stolz aus dem Rewe gehen.
Danke lieber Nachbar für diese Gelegenheit

