Schwierigkeiten bei der Kontaktpflege

Der Mentalitätswechsel, der es mir jetzt einfacher macht.


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Ich bin ein Mensch, der seine Liebsten so gut wie nie in naher Umgebung hatte. Bereits in meiner Jugend habe ich den Großteil meiner Freunde auf Veranstaltungen außerhalb meiner Stadt, sogar meines Bundeslandes, kennengelernt.

Weil wir weit weg voneinander wohnten, haben wir uns im besten Fall alle paar Wochen nur mal gesehen. Meistens jedoch lagen mehrere Quartale dazwischen.

Aus diesem Grund hatte ich früh die Gewohnheit entwickelt, mit Leuten zu telefonieren. Es war und ist für mich die beste Option sich auszutauschen und in Kontakt zu bleiben, wenn man sich nicht in Person sehen kann.

Während der Schulzeit war das auch kein Problem. Da hatte ich viel Zeit und weniger Verantwortungen. Seit ich vor mittlerweile drei Jahren von zu Hause ausgezogen bin, ist es schwieriger geworden. Ab dann stand ich richtig im Leben und mein Alltag war voller geworden.

Ich musste leider relativ schnell feststellen, dass es mir nur noch selten passt zu telefonieren. Weil wenn es sich mal ergab, dann wollte ich immer ausführlich berichten und berichtet bekommen, was in unseren jeweiligen Leben geschieht. Aber es muss sich überhaupt erstmal ergeben. Beide Parteien mit vollem und unterschiedlichem Alltag müssen gleichzeitig Zeit haben. Und dann sind es auch noch so viele Kontakte auf einmal, die es zu koordinieren gilt. Die letzten Jahre waren dahingehend sehr anstrengend für mich…

Irgendwie hat es sich ergeben, dass man mal von allen etwas mitbekommt, aber es war nicht vergleichbar mit der Intimität, den tiefen Gesprächen, die ich sonst gewohnt war.

Vor einem halben Jahr habe ich das erste Mal eine Veränderung bemerkt. Auf einer Veranstaltung lernte ich mal wieder jemanden kennen. Wir redeten darüber, wie wir in unserem Leben Struktur aufbauen, und nach dem Event hielten wir miteinander Kontakt. Aber mit ihm war es das erste Mal anders.

Wir hatten uns nur alle paar Wochen, eher alle paar Monate, ausgetauscht. Immer dann, wenn wir etwas Neues über Lebensorganisation zu berichten hatten, meldeten wir uns.

Es war für mich das erste Mal ein neues Muster. Zu Beginn einer neuen Bekanntschaft habe ich mich mit der jeweiligen Person immer für einen längeren Zeitraum sehr intensiv ausgetauscht. Bei ihm war es nicht so. Es war langsamer, ruhiger. Für mich war er schnell zu einer Art „Brieffreund“ geworden, bei dem man sich immer dann meldet oder von dem man immer dann hört, wenn es sich ergeben hat. So war es schön!

Vor eineinhalb Monaten hat sich dieses Muster ein zweites Mal wiederholt und bei mir sehr gefestigt. Ich hatte auf einem Geburtstag eine liebe Frau kennenlernen dürfen. Wir haben uns den ganzen Abend gegenseitig von unseren Lebenserfahrungen erzählt und inspiriert. Ein paar Tage danach haben wir Kontakt aufgenommen und uns über den Input des anderen bedankt. Irgendwann sind weitere Themen entstanden und wir haben auf bisherige Themen aufgebaut. Wir haben bisher nie miteinander telefoniert, aber es pendelte sich ein, dass wir uns Sprachnachrichten sendeten und dann darauf antworten, wenn wir die Zeit finden.

Sprachnachrichten, die länger als drei Minuten gehen, habe ich früher nie gemocht. Mit ihr hat es sich geändert. Wir beide reden nicht um den heißen Brei, sondern sehr direkt und genau. Auch, wenn wir uns immer erst Tage oder Wochen versetzt antworten, haben wir große Vorfreude auf die manchmal zehn Minuten langen Audios.

Heute war mal wieder ein Tag, wo eine Nachricht von ihr offen stand. Ich habe mittlerweile dieses kleine Ritual entwickelt, bei dem ich mich abends aufs Sofa lege, ihr Audio starte und sie mir entspannt anhöre. Danach nehme ich mir noch die nötige Zeit zum Antworten. Ich selber habe heute Abend 15 Minuten an Inhalt verschickt, hehe.

Schade ist, dass wir keine richtigen Gespräche führen. Bei diesem Schreib- und Audioverkehr ist das Zwischenmenschliche weniger intensiv, weil wir nicht direkt Rückfragen stellen können und somit mal bei einem bestimmten Thema bleiben und es weiter erkunden.

Aus diesen beiden Begegnungen konnte für mich zwei Dinge feststellen:

  1. Längere Sprachnachrichten können eine Daseinsberechtigung haben.
  2. Meine Mentalität darüber, wie ich Kontakte pflege, hat sich stark geändert. Ich glaube sogar zum Besseren!

Ich habe realisiert, dass ich immer diesen Zwang verspürt habe, mich immer bei meinen Mitmenschen melden und regelmäßigen Kontakt halten zu müssen. Nun bin ich lockerer geworden. Ich habe für mich realisiert, dass es in Ordnung ist, nur ab und zu voneinander zu hören. Am besten ist es, sich immer dann zu melden, wenn es sich ergibt.

In den letzten Wochen musste ich im Alltag immer mal wieder zufällig an bestimmte Personen denken. Statt auf dem Gedanken zu verharren, dass ich mich mal wieder melden könnte oder sollte, habe ich es sofort umgesetzt. Entweder habe ich die Person angerufen, ihr ein Audio dagelassen oder eine Textnachricht. Nie haben sie direkt geantwortet, aber sie haben es immer dann, wenn es sich ergeben hat und so war es schön.

Bei ein paar Leuten habe ich mich nicht mal zu einem bestimmten Thema gemeldet oder ihnen ein Update gegeben, sondern einfach mal gesagt:

Hey, ich finde es ein bisschen schade, dass wir schon so lange nicht mehr voneinander gehört haben, aber das ist auch in Ordnung. Das Leben kommt mal dazwischen. Deshalb lass mich dir kurz sagen, ich bin froh dich zu kennen und wir werden uns bald mal wieder intensiver austauschen. Keine Ahnung wann, aber dann, wenn es sich mal ergibt. Und darauf freue ich mich schon!

Wenn du das hier gerade liest, wir gut miteinander sind und uns schon länger nicht gehört haben. Dann melde dich gerne. Ich würde mich freuen.

Cool dich zu kennen