Meine erste Liebe

Nach sechs wundervollen Monaten hat die Zeit mit meinem Date ein Ende gefunden


10–15 Minuten

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2.363 Wörter

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Mein Date und ich nahmen uns seit unserem letzten Treffen jeweils ein wenig Freiraum, um ein paar Themen zu verarbeiten. Zwischendurch tauschten wir uns noch über Alltägliches aus. Ein klärendes Gespräch zwischen uns beiden stand noch aus. Heute auf der Arbeit merkte ich, wie trüb meine Stimmung war. Alles, was mir zu ihr, zu uns, auf der Seele lag, fing vor ein paar Tagen bereits an zu kokeln. Doch heute begann es zu brennen. Ihr gegenüberzubringen, wie tief der Schmerz noch sitzt, und Klarheit zu vielerlei Themen zu erhalten, wurde mir immer wichtiger. So wichtig, dass ich ohne nicht mehr ordentlich funktionierte.

Auf der Arbeit habe ich so nicht bleiben können. Ich brauchte Zeit für mich. Glücklicherweise fand ich eine Lösung, denn wir waren an dem Tag gut besetzt und man brauchte mich nur noch für wenige Aufgaben. Ich zeigte meinem Chef dies vor und erklärte ihm, wie es mir ging. Er zeigte Verständnis und ließ mich früher gehen. Erleichtert, aber noch nicht befreit von dem Feuer auf meiner Seele, ging ich nach Hause. Ich hatte mit meinem Date bereits ein Treffen für unser Gespräch in zwei Tagen ausgemacht. Als ich ihr an dem Nachmittag mitteilte, wie dringend es für mich ist, richtete sie es noch spontan für heute Abend ein.

Wir trafen uns in der Innenstadt in gingen zu einem nebenliegenden Park. Es war auch der Park, in welchem wir das Picknick bei unserem ersten Date hatten. Für unser Gespräch fanden wir einen geeigneten Platz und setzten uns. Es herrschte drei Minuten Stille bis das erste Wort ausgesprochen wurde. Schließlich fragte ich sie, wie es ihr in diesem Moment gehen würde. Sie war durchgewirbelt. Am frühen Nachmittag, noch bevor ich sie darum bat, dass wir uns heute treffen, fragte sie mich noch etwas Allgemeines. Eine eigentlich simple Frage, ob ich am Wochenende erneut zu einer ihrer Aufführungen komme. Ihr hätte ein reines Ja oder Nein gereicht, doch eine so kurze Antwort wollte ich nicht geben. Für mich war daran noch so viel mehr geknüpft und ich konnte ihr nicht antworten, ohne alle anderen Themen mitanzureißen. Dies teilte ich ihr mit. Mir wurde dadurch im Laufe des Nachmittages die Dringlichkeit dieses Gespräches immer bewusster, ihr warf es zu diesem Zeitpunkt jedoch mehr Fragen als Antworten auf. Daher war sie ein wenig durchgewirbelt. Und so begannen wir damit, uns über alle Themen und noch offenen Fragen auszutauschen. Nichts soll nicht auf den Tisch gelegt werden.

Zu Beginn gaben wir uns eine kleine Übersicht vieler Themen. So lässt es sich besser einordnen, was wir wann sagen wollen und sollten. Ich begann damit, ihr abermals zu sagen, wie sehr sie mich bei dem „Ich liebe dich“-Thema verletzte. Wie ich, als ich meine Worte vor ein paar Wochen aussprach und in ihren Augen keinerlei negative Regung wahrnehmen konnte. Eben darum hat mir mein Kopf, seitdem sie mir von ihrer eigentlichen Panik in dem Moment erzählte, viele Streiche gespielt. Ich habe und muss auch immer noch über so viele unserer gemeinsamen Momente nachdenken und stelle mir dauerhaft die Frage: War das auch nur ein Schein nach außen? War sie jemals ehrlich zu mir? Ich hatte durch sie einen starken Vertrauensbruch erlitten. Solche Fragen werde ich mir noch eine Weile stellen. Mein Nervensystem braucht Zeit, um sich davon wieder zu erholen. Mein Verstand weiß jedoch, dass unsere gemeinsame Zeit echt war. Und zugleich war sie echt schön. Daran werde ich mich noch erinnern müssen, bis es wieder mein Standardgedanke ist. Ihr verletzendes Verhalten habe ich ihr mit diesen neuen Worten noch einmal ganz genau, aber respektvoll, widerspiegeln wollen. Das nahm sie auch so an.

Auch redeten wir erneut über mein Verhalten oder vielmehr meine ungewollten Erwartungen am Abend ihrer Premiere. Dass ich gerne mehr Zeit danach hätte verbringen wollen. Ich habe die anderen Schauspieler sich viel Zeit nehmen sehen, um ihre Verwandten und Bekannten zu begrüßen und mit ihnen zu reden. Ich fühlte mich dadurch, wie ein nachträglicher Gedanke. Dass ich jedoch in ihrem Kopf nicht geplant war an dem Abend, schließlich wusste sie nichts von meinem Erscheinen, und sie in der Organisation her noch andere Dinge zu erledigen hatte, ließ ich komplett außer Acht. Dass sie sehr frustriert war, dass ich diese Dinge an einem Abend, auf den sie lange hingearbeitet hatte, nicht berücksichtigte, kann ich ihr nachempfinden. Es tat mir riesig leid, wie ich sie damit habe fühlen lassen. Meine tiefe, in Tränen getränkte Entschuldigung hat sie angenommen (ich hatte mich miserabel gefühlt).

Zu dem Thema des nachträglichen Gedankens hatte ich auch noch ein paar Worte zu äußern. Denn mich stört es sehr, dass sie mich nie anruft und sich gar nicht so wirklich für meinen Alltag interessiert. Sie gibt mir das Gefühl, mich nicht weiter kennenlernen zu wollen, und oft, wenn ich ihr Vorschläge für ein Treffen mache und sie sagt, dass dieser spezifische Zeitpunkt nicht passen würde, macht sie mir nie einen Gegenvorschlag. Das nahm sie so an.

Letztens gab ich ihr eine Frage zum Nachdenken mit, auf deren Antwort ich sehr gespannt war. Sie sagte mir, sie wüsste nicht, ob sie mir jemals von dem erzählen wird, was sie in ihrem Leben so belastet. Auch ob sie jemals zu einem weniger in sich gekehrten, einem aufgeschlosseneren Menschen wird, der es schafft, seine Gedanken und Emotionen halbwegs gut einzuordnen. Dass sie so ist und es nicht gut kann, war für mich bisher immer noch in Ordnung. Die Frage jedoch ist folgende: Strebt sie es denn an? In ihrer aktuellen Lage strebt sie es nicht an und sie sieht es sich auch eine lange Zeit nicht tun, sagte sie mir. Insgesamt gab es mehr zu dieser Antwort, ich stellte ihr auch noch eine weitere, sehr bedeutende Frage. Dies jedoch werde ich hier nicht weiter thematisieren, denn zu sagen, dieses Teilthema würde mich betreffen oder wäre ausschlaggebend für das, was ich noch zu sagen habe, wäre falsch. Außerdem wäre es ihr, trotz dessen, dass ich anonymisiert über sie schreibe, extrem unfair, über diese eine Sache noch weiterzureden. Dieses eine bisschen an Extrainformation werde ich für mich behalten.

Dass sie es nicht anstrebt, finde ich primär schade für sie. Ganz unabhängig davon, wie sie von hieran weitermachen möchte, kann ich mit niemandem zusammen sein, der nicht zulassen wird, dass ich für diese Person da sein werde. Das ist etwas, das mir langfristig meinen Frieden rauben würde.

Im Laufe der letzten Wochen bin ich mir einer weiteren, sehr ausschlaggebenden Sache bewusst geworden: Kann sie mein größter Fan sein? Damit meine ich: Hat sie Eigenmotivation, nach meinen Projekten, meinem Alltag, meinen Hobbys, allgemein nach mir zu fragen? Ich möchte jemanden haben, der mich in meinen Vorhaben ermutigt, mir Realitätschecks gibt und mich in Zeiten der Selbstzweifel garantiert daran erinnert, wer ich bin, was ich kann und wofür ich stehe. Es zeigte sich, dass sie mir das nicht geben kann. Wie ich bereits meinte, lässt sie mich sehr wie einen nachträglichen Gedanken fühlen. Rückblickend fällt mir auch auf, dass sie mich im Laufe unserer gemeinsamen Zeit immer weniger zu mir fragte. Dadurch verlor ich in ihrer Gegenwart meine Euphorie, zu erzählen, denn sie gab mir unterschwellig immer das Gefühl, als würde ich sie langweilen. Ich hatte es in einer anderen Form vor Monaten schon einmal angesprochen, aber ich empfand keine Besserung.

Mein Date merkte für sich, dass sie es schon mag, jemanden um sich herum zu haben, jedoch unterschätzte sie, wie viel mehr Zeit sie für sich alleine braucht. Zu Beginn hatte sie sehr viel Neugierde an mir und daran, wie offen ich über meine Gedanken und Emotionen spreche. Doch leider verblasste dies mit der Zeit. Irgendwann sprang diese Neugierde zu Anstrengung für sie um und bei ihr kam alle Luft raus. Meine Offenheit und Ehrlichkeit wurden ihr zu blöd.

Mit uns beiden kann es nicht gut weitergehen, und so entschlossen wir uns, uns nicht mehr zu sehen und mit dem anderen abzuschließen. An sie hatte ich noch eine Frage aus Interesse sowie einen Wunsch: Was hast du aus unserer gemeinsamen Zeit für dich mitnehmen können? Ihre Antwort überraschte mich. Auch, wenn es für sie oft anstrengend war, hat sie für sich mitnehmen können, wie gut es auch tun kann, tiefe Einblicke des jeweils anderen zu erhalten, und was ungenügende bzw. weniger offene Kommunikation Schlechtes bereithält. Richtig schön! Ich sprach noch meinen Wunsch aus: Wenn wir uns mal zufällig begegnen sollten, sollen wir uns hoffentlich nett austauschen können. Ich möchte gerne hören, was in ihrer Theaterwelt und Ausbildung geschieht. Sie brachte mir entgegen, dass wir das auf jeden Fall so machen, denn schließlich (hiermit spielte sie auf meine kommende Ausbildung zum Diätassistenten an) hätte ich ihr noch einen Ernährungsplan zu erstellen. Diese spaßige Antwort gab mir alles, was ich von ihr hören wollte. Keinerlei Hass oder Verachtung, die sich zwischen uns befindet.

Ich bin in unser Treffen ohne irgendeine Vermutung hineingegangen, was passieren wird. Meine Intention war es, lediglich meine Fragen beantwortet zu bekommen und ihr meine Gefühle zu ihrer Verletzung zum Ausdruck zu bringen. Kein „Es geht weiter“ oder „Es muss enden“ kreuzte vorher meine Gedanken. Ich wusste, alles wird sich im Gespräch so ergeben, wie es soll, solange ich mit Gleichmut herangehe und offen bleibe. Ich bin sehr stolz darauf, denn auch die folgenden Dinge habe ich in der stillen Zeit vor unserem heutigen Gespräch nicht geändert:

  • Ihr WhatsApp-Chat blieb angepinnt
  • Ihr Klingelton wurde nicht geändert
  • Ihre Geburtstagskarte an mich, die ich mir einrahmte und in meinem Schlafzimmer aufgehängt hatte, hing ich nicht ab
  • Ihre Geschenke an mich packte ich nicht bei Seite
  • Unseren Hollow-Knight-Spielstand ließ ich unberührt
  • Ihr gegenüber blieb ich in Gesprächen mit anderen fair; keine respektlosen Worte kreuzten meinen Mund, gar meine Gedanken

Alles andere wäre ihr gegenüber unfair gewesen. Wie gesagt, wusste ich bis zu unserem Gespräch nicht die klärenden Antworten auf meine Fragen und daher weder von meiner noch von ihrer Seite, wie es mit uns weitergehen würde. All diese Dinge vorzeitig zu tun, hätte mich mental bereits abschließen lassen und das hätte zu keinem klärenden Gespräch mit ihr geführt.

Ich wünschte ihr viel Kraft auf ihrem Weg der Heilung. Dass sie es schafft, eines Tages mit ihren Problemen und Belastungen zurechtzukommen, die sie so schlecht gehen und in sich gekehrt sein lassen. Was auch immer diese Themen und Erfahrungen sind. Sie ist ein guter Mensch, der es verdient, geliebt zu werden, und von so vielen Menschen geliebt wird. Durch Familienmitglieder, Freunde und mich.

Ich wollte, dass sich dies bei ihr noch einmal richtig einbrennt. Sie soll aus diesen Worten, diesen Tatsachen, in Zeiten des Zweifels Kraft ziehen können. Auch hoffe ich, dass sie sich zu gegebenem Zeitpunkt unsere gemeinsame Zeit vor Augen hält, um Ehrlichkeit und offene, direkte Kommunikation vermehrt anzustreben. Sie wünschte mir, dass ich jemanden finde, der mein größter Fan sein kann und der offen genug ist, Unterstützung von mir anzunehmen.

Mein Kopf wird noch eine Weile brauchen, um diesen Vertrauensbruch zu verarbeiten. Ich bin unendlich froh, unsere Geschichte festgehalten zu haben. Diese Zeilen nachträglich lesen zu können, wird mir dabei helfen, besser greifen zu können, dass unsere Momente, diese Erfahrungen mit ihr, kein Fiebertraum, sondern tatsächlich Realität waren.

Durch sie lernte ich:

  • Mir mehr zu gönnen
  • Mich mehr zu entspannen
  • Wie gut mir Zweisamkeit tut
  • Wie kreativ ich mit Überraschungen bin
  • Was ich mir von einem Partner wünsche
  • Was Liebe ist bzw. was es heißt, zu lieben

Vielmehr hatte ich gelernt, dem Prozess vertrauen zu können. Seit Jahren sagten mir Freunde und Bekannte immer wieder Dinge, wie: Hey Yannick, probiere dich doch mal ein wenig aus. Das ist wichtig. Das nächste Mal, wenn wir feiern gehen, nehmen wir dich mit und klären dir eine. Jedes Mal sagte oder dachte ich mir, dass diese Leute irgendwo einen Punkt haben, doch erschien es mir wichtiger, mich erst einmal mit mir selbst zu beschäftigen. Herauszufinden und ein besseres Verständnis darüber zu bekommen, wer ich bin, was ich möchte und was ich jemand anderem bieten kann. Was es ist, das ich von meinem eigenen Leben möchte und mir für meine Zukunft vorstellen kann. So oft habe ich es erlebt, sei es in Medien oder im echten Leben, dass Leute mit ihrem Partner eine Lücke füllen und nach einer Trennung oft für eine lange Zeit nicht mehr zurechtkommen. Sie waren nicht mehr sie selbst, sondern ihre Identität bestand rundum darin, ein Partner in ihrer Beziehung zu sein. An einem solchen Punkt wollte ich nie landen und vertraute immer darauf, dass, wenn ich bereit bin, sich schon etwas ergeben würde. Letztes Jahr im Juli habe ich realisiert, dass ich sehr zufrieden mit mir bin und wie ich mein Leben navigiere. Im Vergleich zu den Vorjahren hatte ich ein wirklich tolles Verständnis darüber erlangt, wer ich bin, was ich möchte und was ich anderen Menschen bieten kann. Zwei Monate später, am 16.09.2025, hat sich dann tatsächlich etwas ergeben. Etwas so, so Wundervolles.

Zu dieser wundervollen Zeit gehören alle Höhen und Tiefen. Selbst dieser Vertrauensbruch und der daraus resultierende Herzschmerz haben mir etwas sehr Wichtiges bestätigt: Der aktuelle Schmerz ist einer, den ich in dieser Intensität seit fast 10 Jahren nicht mehr spürte. Seither habe ich viel darüber gelernt, mit meinen Emotionen umzugehen, und hatte immer die Vermutung, dass, wenn mich etwas schlagartig treffen wird, ich das Rüstzeug haben werde, damit zurechtzukommen. In den letzten zwei Wochen stand ich täglich davor, in eine Abwärtsspirale zu geraten, und ich habe es Tag für Tag vermeiden können. Ich weiß hiermit ordentlich umzugehen, und auch wenn dieser Herzschmerz per se nicht schön ist, erkenne ich Schönheit darin, zu wissen, dass mich nichts so einfach erdrücken wird. Für diese Bestätigung kann ich viel Dankbarkeit empfinden.

Trotz dessen, dass sie allgemein und auch während unseres Gespräches kein zu großer Freund von Körperkontakt ist, ließ sie sich auf eine abschließende Umarmung mit mir ein. Wir trennten uns mit einem Auf Wiedersehen. Kein Nimmerwiedersehen, sondern auf ein Wiedersehen.

Jetzt sitze ich zu Hause und halte die letzten Zeilen unserer Geschichte fest. Gleich werde ich damit beginnen, final abzuschließen, indem ich ihren WhatsApp-Chat abpinne, ihren Klingelton zurücksetze und was auch immer ich sonst noch dafür machen muss.

Wie immer. Hier und heute und für alle Ewigkeit. Danke für unsere gemeinsame Zeit. Ich liebe dich

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