Es war eine emotionale Woche mit meinem Date

Hört es hier nach auf?


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Gestern Abend besuchte ich die Premiere des aktuellen Theaterstücks meines Dates. Dass ich komme, war eine Überraschung, die mir gut gelungen und auch mein Highlight unserer gemeinsamen Woche war, doch bei diesem Highlight blieb es. Bereits Mitte der Woche teilte sie mir etwas mit, das mich zutiefst verletzte. Auch, wenn der Inhalt kein schöner war, hätte sie diese Verletzung vermeiden können. Denn das Allerschlimmste ist es für mich, wenn man nicht direkt und ehrlich mit mir ist und ich dadurch zu lange in einem falschen Glauben gelassen werde. Sie braucht zwar länger als andere Menschen aus meinem Umfeld, um ihre Gedanken und Emotionen zu ordnen, doch solange sie mir so früh, wie es ihr möglich ist, davon erzählt, ist es noch in Ordnung für mich. Jedoch wartete sie mit diesem Thema länger, als sie es gemusst hätte. Dass dies nun schon wieder passierte, nachdem ich bereits aus vergangenen Situationen etablierte, dass sie bitte so direkt und ehrlich mit mir sein soll, wie es ihr möglich ist, verletzte mich schließlich extrem. Dadurch war diese Woche bereits negativ geprägt.

Heute ist noch Weiteres aufgekommen, was durch den Vorabend und gerade die letzte Nacht resultierte. Ich machte mich früh auf den Weg nach Hause von der Aftershow-Party der Premiere. Mein Date hatte für diese Woche einen Zweitschlüssel und hatte demnach die Möglichkeit nachzukommen. Ca. zweieinhalb Stunden später stand sie dann vor meiner Wohnungstür, doch sie kam nicht hinein. Ich dachte beim Nachhausekommen zwar daran, meinen eigenen Schlüssel nicht ins Schlüsselloch zu stecken, doch brachte ich vor dem Schlafen nochmal den Müll weg, und danach dachte ich nicht wieder daran. Mit meinem Schlüssel in der Wohnungstür konnte sie diese nicht öffnen.

Eine halbe Stunde probierte sie, mich von außen aufzuwecken. Klopfen, Klingeln, Anrufen. Nichts erweckte mich aus meinem Schlaf. Sie schickte mir abschließend noch eine Nachricht, in welcher sie mir schrieb, dass sie nun vorerst zu sich fährt und am nächsten Tag dann wiederkommen würde. Den Klingelton bei dieser letzten Nachricht, bekam ich schließlich noch mit. Ich rief sie direkt an, sodass sie zwei Minuten später dann wieder bei mir war. Doch mein Nervensystem war in diesem Moment komplett überladen. Ich nahm den Inhalt ihrer Nachricht zwar wahr und konnte darauf reagieren, aber zuvor sah ich nur einen Haufen verpasster Anrufe auf meinem Display. Ich bin aus einem schlafenden Zustand direkt in unendliche Sorge hinübergesprungen. Ich hatte, bevor ich ihre Nachricht las, eine plötzliche und riesige Angst um ihr Wohlbefinden. Aufgrund dieses gewaltigen Umsprungs konnte mein Körper nicht realisieren, dass alles in Ordnung sei, und alle möglichen Rezeptoren, die dafür sorgen, dass ich wach und fokussiert werde, waren am Überfluten.

Ich war in einem solchen Schock, dass ich nicht begreifen konnte, was war. Ich realisierte zwar, dass mein Körper unruhig war, und habe mein Date um eine Umarmung bitten können, um ggf. wieder herunterzukommen. Jedoch dachte ich, dass es reichte, und ich kam nicht zu der weiterführenden Realisierung, dass ich noch mehr bräuchte. Nach außen hin erschien es wohl deutlich, dass ich unruhig war, doch in ihrem müden Zustand hat sie mir im Halbschlaf nur gesagt, dass alles gut sei, was mir leider nicht sonderlich half. Schließlich realisierte mein Körper, dass alles sicher ist, dass sie sicher ist, und ist aus Erschöpfung wieder eingeschlafen.

Bevor ich jedoch wieder einschlief, kamen mir noch viele andere Gedanken vom Abend der Premiere auf. Situationen, bei denen ich erst im Nachhinein erkannte, dass mich diese störten:

Nach dem Stück, als ich ihr die Blumen überreichte, hätte ich gerne noch ein paar Minuten Zeit mit ihr verbracht, um ein paar Worte zum Stück dalassen zu wollen. Weil ich die anderen Schauspieler mit ihren Verwandten oder Freunden habe sprechen sehen, fühlte ich mich wie ein nachträglicher Gedanke. Auch, als wir uns irgendwann zu dritt mit einer Freundin von ihr unterhielten, kam es zu einer Situation, die vielleicht speziell für den ein oder anderen, der das hier liest, vorkommt, mich hat es allerdings nicht gut fühlen lassen:

Ihre Freundin sprach eine bestimmte Drag-Show im April an und fragte, ob sie, mein Date, nach wie vor plant, zu kommen, und fragte im gleichen Atemzug, ob ich auch kommen würde. Als wir uns kennenlernten, war es mal Thema, dass ich bei einer Drag-Show war und mir diese nicht gefiel. Ebendarum sagte mein Date auch direkt, dass mir diese nicht gefallen würde. Als ich kurz davor war zu sagen, dass ich mich seitdem mehr mit dieser Kunstform beschäftigte und ich dem Ganzen gerne erneut eine Chance geben würde, fiel sie mir ins Wort und sagte, dass sie auch gerne den Safespace anderer wahren wolle. Ich als heterosexueller Cis-Mann würde in diesem Raum für Unruhe sorgen können. In dem Moment habe ich diesen Kommentar zunächst hingenommen und sagte solange sie wüsste, dass ich nicht gegen queere Menschen bin, sei es für mich in Ordnung, nicht mitzukommen. Doch in der Nacht kamen mir auch diese Worte wieder in den Kopf: heterosexueller Cis-Mann, und das tat mir schließlich ein wenig weh. Cis bedeutet, dass man sich mit dem Geschlecht identifiziert, welches man bei der Geburt zugeschrieben bekommt. Lange habe ich mich als Mann gesehen, doch seitdem ich damit begonnen habe, mich mit Geschlechterrollen und Geschlechtsidentitäten auseinanderzusetzen, fühle ich mich nicht mehr in Berührung mit dieser Männerrolle. Ich weiß gar nicht so wirklich, was es bedeutet, ein Mann zu sein oder sich als einen zu identifizieren. Momentan habe ich, was das angeht, eine kleine Identitätskrise. Mich daher als etwas zu bezeichnen, was ich nicht bin oder womit ich mich momentan nicht im Einklang fühle, hat mich getroffen.

Heute Morgen erzählte ich ihr von allem und sagte, wie ich mich fühle. Zu dem Thema, dass ich mir gerne mehr Zeit mit ihr gewünscht hätte, spiegelte sie mir wieder, dass dieser Wunsch ihr gegenüber unfair sei. Sie war nun mal noch mit Aufräumen beschäftigt, hat sich umziehen müssen und nachträglich hatte sie auch noch einer Moderation beizusteuern.

Ich sehe ein, dass das eine ungerechtfertigte Erwartung von mir und ihr gegenüber definitiv unfair war. Da wir beide für den Moment nicht mehr die Kapazitäten hatten, dieses Gespräch gut weiterzuführen, geschweige denn genug Zeit, es abzuschließen, machten wir erst einmal einen Cut, um Gesagtes und allgemein diese Woche zu verarbeiten, und werden uns dann wieder zusammensetzen, wenn es sich ergibt. Bevor sie ging, teilte ich ihr noch mit, wie sehr mir das Stück gefiel und dass ich mit ihr gerne speziell darüber noch einmal reden wollen würde. Und ohne Bestätigung für meinen Strauß erhalten zu wollen, äußerte ich, dass ich hoffe, dass ihr ihre ersten Blumen trotz allem gefallen und sie diese zu Hause nicht mit Negativität verbindet.

Nachdem sie meine Wohnung verlassen hatte und bevor ich mich selbst auf den Weg wohin machen musste, hatte ich ein, zwei Stunden Zeit, nachzudenken und zu reflektieren. Ich schrieb ihr noch die folgende Nachricht, um diese gemeinsame Woche mit ihr abzuschließen:

Ein paar Worte möchte ich zu dieser Woche und im Allgemeinen dalassen:
Auch, wenn ich jetzt gerade nicht gut drauf war, und du mich diese Woche sogar extrem verletzt hattest, weiß ich, damit zurechtzukommen und dir für diese Verletzung wahrlich zu verzeihen. Ich nehme aus diesen Interaktionen und Tränen sehr viel für mich mit. Da du in meinen Kopf nicht hineinsehen kannst, möchte ich dir sagen, dass, auch wenn es für den Moment nicht so scheinen mag, ich gut mit allem zurechtkomme, wenn ich für mich realisiert habe, wie ich mich fühle. Dadurch, dass wir vorhin noch gesprochen haben, konnte ich für mich einiges besser einordnen und fühle mich nicht nur für den Moment, sondern insgesamt besser. Ich merke aktiv, wie sehr ich aus genau diesen Diskussionen wachse. Heutzutage bin ich richtig froh darüber, wie ich mit meinen Emotionen umgehe. Ich schaffe es, inneren Frieden zu finden und nicht in einer Abwärtsspirale zu versinken. Unsere bisherige gemeinsame Zeit hat mich sehr viel gelehrt und dafür bin ich dir ewig dankbar. Für mich gibt es keinen einzigen Moment mit dir, den ich rückblickend anders gehabt haben wollen würde, denn in diesen Momenten hat alles immer genau so sein sollen. Es hat immer seine Gründe gehabt, warum wir jeweils so handelten, wie wir handelten. Wie wir jedoch nachträglich damit umgehen, was wir daraus mitnehmen und wie wir uns entscheiden, weiterzumachen, ist es, worauf es letztendlich ankommt. Danke für dich und was du mir bisher gegeben hast.

Ich bin gespannt, wie immer, wie es mit uns weitergeht

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