Und es war einer der lehrreichsten Abende überhaupt
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Es gibt da ein Ehepaar, das ich flüchtig kenne. Aus einem Zufall heraus habe ich die beiden in den vergangenen Wochen vereinzelt mal getroffen und so lernten wir uns dann doch noch ein wenig näher kennen. Vor einer Woche war ich sogar bei ihnen zu Hause und ich fand die Zeit mit den beiden wirklich nett. Zu diesem Zeitpunkt war ich auch bereits eingeladen, mit ein paar weiteren Leuten aus ihren Kreisen in einem All-you-can-eat-Restaurant essen zu gehen. Für diesen Abend gab es auch einen besonderen Anlass, nur sagten sie mir zunächst nicht, welcher es sei. Vielmehr gaben sie mir sogar die Wahl, ob ich es wie die anderen Gäste wissen oder mich als einziger überraschen lassen möchte.
Ich entschied mich für Zweiteres und das auch ganz bewusst. Es musste etwas wirklich Außergewöhnliches sein, und bis zu diesem Abend wollte ich alle mir bekannten Hinweise erneut vor Augen führen und sehen, ob ich auf die Lösung kommen kann. Ich wusste:
- Wie viele Leute kommen und wie sie heißen
- Wo wir essen gehen, und dort besteht keine Möglichkeit, etwas anderes zu machen, als zu essen
- Dass sie eine Frau aus der Runde auf mich „angesetzt“ haben
Diese Hinweise waren zwar nicht zu aussagekräftig, jedoch war ich nun auch engagiert, den Anlass herauszufinden. Trotz des Austauschs mit ein paar klugen Köpfen aus meinem Umfeld bin ich leider auf keine akkurate Antwort gekommen. Eine Freundin dachte, die beiden würden eine Schwangerschaft bekanntgeben. Ein anderer meinte, wenn die anderen Anwesenden Arbeitskollegen seien, könnte es eine Beförderung zu feiern geben oder dass man mich vielleicht sogar abwerben möchte. Es hätte so vieles sein können.
Heute war endlich dieses ominöse Abendessen, bei dem jeder außer mir den Anlass kennt, und ich hätte mir nicht erahnen können, wie interessant dieser Abend noch werden würde. Die Frau, die man auf mich „angesetzt“ hatte, enthüllte mir zwar nicht den Anlass des Abends, dafür jedoch, was sie mit mir vorhat:
Da ich der einzige bin, der den Anlass nicht kennt, überlegte sie sich ein Spiel. Ich darf jedem der sieben anderen Anwesenden eine Ja-/Nein-Frage stellen, um weitere Hinweise darüber zu sammeln, was der Anlass ist. Wenn ich es in maximal drei Fragen und in unter 30 Minuten schaffen sollte, dann würde sie mir ein Getränk ausgeben und den Gastgebern ein Dessert. Mein kompetitiver, rätselliebender Kopf hat die Herausforderung mit Freuden angenommen. Bevor die Zeit begann, konnte ich folgende Hinweise bereits sammeln:
- Die Gastgeber bzw. das Ehepaar war besonders gekleidet
- Die anderen Gäste, die den Anlass kannten, gratulierten ihnen bei der Begrüßung
- Einer der Gäste schenkte ihnen sogar Blumen
Dass mich diese Eindrücke auf den Holzweg führen würden, konnte ich zu dem Zeitpunkt noch nicht ahnen. Der Anlass ist tatsächlich sehr außergewöhnlich. Mit dem tickenden Timer begann ich nun auch nach und nach, meine Fragen an die Gäste zu stellen:
Frage #1: Hat der Anlass damit zu tun, dass die Gastgeber ein Ehepaar sind?
→ Ja.
Frage #2: Ist der Anlass ein Jahrestag in irgendeiner Form?
→ Ja, für mehr Kontext: Es ist der nullste Jahrestag; also was gefeiert wird, ist heute passiert oder zustande gekommen.
Da wir, die Gäste, bereits Wochen im Voraus eingeladen wurden, muss der Anlass mit einem zuvor festgelegten Termin zu tun haben, realisierte ich.
Zwischendurch erhielt ich auch noch den Hinweis, dass der Anlass kein typischer Anlass sei und normalerweise gar nicht gefeiert werde. Auch, dass man es eigentlich vor dem Heiraten macht. Was könnte das alles nur bedeuten, fragte ich mich.
Frage #3: Hat eine dritte Person oder ggf. weitere Personen damit zu tun?
→ Ja, ohne eine dritte Person wäre es nicht möglich.
Ich überlegte und zerbrach mir nach wie vor den Kopf. Bzgl. Heiraten habe ich ein paar Wissenslücken und so recherchierte ich zwischendurch auch ein wenig.
Die 30 Minuten waren fast vorbei. Ich hatte keine weitere Frage mehr in meinem Kopf herumschwirren. Ich begann laut vor den anderen Gästen zu evaluieren. In dem Moment dachte ich zunächst an eine Taufe. Schließlich ist es etwas, das man, wenn dann, eigentlich vor dem Heiraten macht, und etwas, das meines Wissens nach nicht groß im Erwachsenenalter gefeiert wird.
Dann jedoch machte es Klick für mich. Auf einmal kam mir eine besondere Antwort in den Kopf, die vollkommen zutreffen könnte. Nur war ich mir unsicher in der Hinsicht, ob ich mit meiner folgenden Aussage nicht eine Grenze überschreiten würde. Eigentlich ist es voll das Tabu-Thema in der Gesellschaft. Jedoch konnte es etwas anderes nicht mehr für mich sein. Für den Moment hatte ich große Hemmungen, es auszusprechen, bis ich merkte, dass ich es nun machen muss, denn die Zeit ist vorbei, und ich wollte mein Getränk gewinnen. Und so sprach ich es aus:
(Die Antwort zum Aufdecken)
„Ihr beide habt heute einen Ehevertrag unterschrieben.”
Ich lag richtig und die Runde war erstaunt, dass ich tatsächlich erraten habe.
Aber warum sich die Mühe dafür machen und dann das Ganze auch noch so feiern? Es gibt wirklich gute Gründe dafür, die die beiden haben, und die ich persönlich großartig finde.
Grundsätzlich gibt es ein großes gesellschaftliches Missverständnis über Eheverträge. Jedes Brautpaar hat im Endeffekt einen Ehevertrag, jedoch ist es keiner, der ihnen vorgelegt wird. Die AGB des Heiratens, sozusagen, existieren bei jeder Trauung automatisch, ohne, dass man den Hinweis akzeptieren muss. Denn der Staat legt für jedes Brautpaar gleiche Kriterien und Regelungen fest, die gelten, wenn es zu einer Scheidung kommen sollte. Mit einem gesonderten Ehevertrag passt man die AGB des Staates lediglich individuell auf die eigene Ehe an. Man erarbeitet eigene Regelungen und legt sich auf diese fest, damit im Falle einer Scheidung beide Parteien garantiert gut davonkommen können. Andernfalls ließen sich bei plötzlicher Gier und dem Wunsch nach Rache die Regelungen des Staates viel zu sehr dafür nutzen, eine der Parteien in den Ruin zu ziehen. Ein beidseitiger Ehevertrag ist mit der richtigen Einstellung ein Akt, der aus der Liebe zum Partner entsteht.
Und warum feiern? Wenn wir mal ganz genau darüber nachdenken, schenken wir so etwas wie Hochzeiten verhältnismäßig viel zu viel Mühe und Bedeutung. Den Partner für den Rest seines Lebens zu finden, ist natürlich eine großartige Sache und wert, gefeiert zu werden. Aber mehrere tausend Euro ausgeben und unendlich viel Zeit in die Planung einer durchschnittlich vier bis sechs Stunden dauernden Feier investieren, klingt eigentlich nicht so sinnvoll, oder? Warum speziell dafür so viel hergeben, wenn auch andere bedeutsame Ereignisse in unserem Leben geschehen? Unkonventionelle Dinge, wie der Tag, an dem man von einem Arbeitgeber entlassen wurde, oder der Tag, an dem man das erste Mal einen Rubik’s Cube gelöst hat, sind es genauso wert, gefeiert zu werden, wenn sie uns selbst viel bedeuten. Es ist unsere eigene Entscheidung, was für Anlässe wir im Leben haben und feiern möchten. Es muss nicht nur für die Dinge sein, die jeder andere feiert oder die gesellschaftlich akzeptiert sind. Was für ein erfrischender, mutmachender Gedanke.
Danke für eure Einladung zum heutigen Abend. Ich mag eure Perspektive aufrichtig und mich freut es, indirekt durch mein Rätselraten für Unterhaltung in der Runde gesorgt zu haben. Ich werde noch lange an diesen Abend zurückdenken.
Bitte setzt mit euren tollen Beispielen weiterhin Zeichen für andere. Ihr seid richtig cool

