Es ist das erste Mal, dass man mich auf diese Weise verletzte
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Vergangene Nacht hatte ich große Herzschmerzen, denn mein Date erzählte mir etwas, das mich sehr verletzte. Als ich ihr vor ein paar Wochen das erste Mal sagte, dass ich sie liebe, reagierte sie darauf äußerlich sehr liebevoll. Innerlich jedoch, war sie überwältigt und in einer Schockstarre, wie sie mir gestern Abend erzählte. Diese Aussage hat mich sehr getroffen. Für mich ist hierbei nicht einmal das größte Problem, dass sie in diesem Moment eine Version von sich projizierte, die nicht existiert. Ich weiß, dass sie Zeit braucht, um ihre Emotionen einzuordnen, und wenn sie in einem solchen Moment nicht anders oder ehrlicher agieren kann, kann ich das noch akzeptieren. Was es letztendlich ist, das mich so sehr stört, ist, dass sie sich innerhalb der letzten Wochen ihrer Emotionen und Gedanken, zu dieser Situation, bewusster geworden ist und es mir erst gestern Abend, also viel, viel später, mitteilte.
Dadurch ließ sie mich sehr lange in dem Glauben, dass mein Liebesgeständnis für sie in Ordnung war und alles zwischen uns gut sei. In der Vergangenheit kam es schon ein paar Mal zu ähnlichen Situationen. Was es dieses Mal jedoch so schmerzhaft machte, war zum einen, dass dieses späte Erzählen schon wieder passierte, nachdem ich ihr auch mitteilte, wie sehr es mich stört, und zum anderen wertete sie über meine Liebe zu ihr. Sie meinte im gleichen Atemzug, ich hätte es ihr viel zu früh gesagt. Statt neugierig meine Emotionen zu erkunden und interessiert daran zu sein, zu verstehen, wie ich meine Liebe zu ihr definiere, hatte sie diese direkt gewertet. Mir gegenüber war ihr Handeln extrem unfair und verletzend.
Erst als ich mich ins Bett legte, kamen diese Gedanken hoch und der daraus resultierende Schmerz. Schlafen fiel mir daher schwer. Ich hatte meine Augen physisch nicht zu bekommen. Mein Kopf war konstant am Rattern und meine Augen am Tränen. Stundenlang lag ich wach da. Ich versuchte mein Bestes, um dies zu ändern. Ich schrieb mir alle Gedanken von der Seele, ging an die frische Luft, aber nichts half. Aktuell übernachtet sie bei mir, da sie eine volle Woche hat und von mir aus alle ihre Termine besser erreichen kann. Deshalb konnte ich mich nicht dazu bringen, sie mitten in der Nacht aufzuwecken, um zu reden. Eine halbe Stunde saß ich an ihrer Bettseite und versuchte, ihren Namen über meine Lippen zu bringen. Ohne Erfolg. Erst gegen drei Uhr morgens war der Schlafdruck meines Körpers so hoch, dass er mich zum Schlafen zwang.
Heute Morgen erzählte ich ihr, wie es mir vergangene Nacht ging und dass sie mich sehr verletzte. Ohne die Gründe auszusprechen, konnte ich erkennen, dass meine Gefühlslage zu ihr durchgedrungen ist. Sie war still, schaute nach unten und hatte einen traurigen, bedauernden Gesichtsausdruck. „Oder ist das auch wieder nur ein Schein nach außen?“, musste ich für mich leider infrage stellen. Ich wusste in dem Moment nicht, ob ich ihrem Ausdruck vertrauen möchte. Wir machten aus, dass wir uns abends dazu unterhalten würden, und so ging vorerst jeder durch seinen Tag. Bei mir auf der Arbeit stand viel an. Auch hatte ich heute einen Probearbeiter an meiner Seite, dem ich unseren Betrieb ordentlich zeigen und erklären sollte. Zunächst habe ich mich wirklich zusammenreißen müssen, nicht in Trauer auszubrechen, später hat mich der Arbeitsalltag ausreichend abgelenkt. Bei Schichtende nagte die Verletzlichkeit wieder an mir. Ich merkte in diesem Moment, dass ich kurz davor war, in eine Abwärtsspirale aus Kummer zu fallen. Jedoch erkannte ich, dass ich diesen Weg nicht gehen muss und andere Optionen habe. Wie wertvoll dieser Tag dadurch werden würde, konnte ich noch nicht erahnen.
Ich ging nach Hause und begann damit, am Computer ein paar Texte zu schreiben. Daraufhin trainierte ich ein wenig schnelles Tippen und anschließend ging ich meine Karteikarten durch. Zwar tat ich die Dinge, auf die ich keine Lust hatte und die kognitiv anstrengend waren, doch es tat wirklich gut. Der Tag fühlte sich nach einer effektiv genutzten Stunde direkt so viel besser an. Ich setzte mich noch hin, um meine kommende Woche zu planen, und als ich dafür auch nach Blut- und Plasmaspendeterminen schaute, sah ich, dass heute sogar noch ein Termin frei war. Ich buchte diesen und machte mich sofort auf den Weg. Heute habe ich bei der Plasmaspende sogar einen neuen Rekord für mich aufstellen können. Ich achte immer besser auf meine Gesundheit und Wasserzunahme, was zu besserem Blutfließen und demnach schnelleren Spendezeiten führt. Dieses Ergebnis zu sehen, machte mich sehr stolz. Rückblickend bin ich auch dankbar für meinen heutigen Arbeitstag. Meine Chefs vertrauen mir dort viel an. Allein, dass sie mir vertrauen, ihnen eine ordentliche Rückmeldung und ehrliche Einschätzung für Probearbeiter zu geben, bedeutet mir viel. Es war auch schön, dass sich eine Bekannte bei mir meldete und fragte, ob ich nach Dortmund kommen möchte, um mit ihr und ihrem Freund abzuhängen. Leider war es zu spontan und ich konnte nicht kommen, aber wie schön ist es bitte, dass jemand anderes an mich denkt und Zeit mit mir verbringen möchte. All das durfte ich heute noch erleben, statt Trübsal zu blasen und mich selbst zu bemitleiden. Ich realisierte, dass ich die Entscheidung über mein Handeln habe und meinen Tag immer gestalten und nutzen kann.
Zum Abend hin kamen mein Date und ich zusammen. Sie leitete das Thema wieder ein und wir redeten eine Weile. Meine Sichtweise, warum und wie sie mich verletzte, konnte sie nachvollziehen, und für ihr Handeln entschuldigte sie sich bei mir aufrichtig. Ich denke, sie versteht nun, wie wichtig es mir ist, dass man mit mir so ehrlich und direkt wie möglich ist. Ich erwarte keine sofortige Änderung in ihrem Verhalten, langfristig brauche ich es jedoch. Sie erwiderte mir, dass sie nicht weiß, ob sie jemals zu einer aufgeschlosseneren, weniger in sich gekehrten Person wird. Daraufhin fragte ich sie Folgendes: „Strebst du es denn an?“
Ich bemerkte in ihrem Kopf ein großes Fragezeichen. Es scheint mir eine Frage zu sein, zu der sie die Antwort nicht weiß oder der sie vielleicht sogar schon seit Längerem aus dem Weg geht.
Im Endeffekt geht es mir wie folgt damit: Wenn ich sie nicht in diesem aktuellen Zustand mag oder mit ihr umgehen kann, was auch immer es ist, von dem sie traumatisiert ist und was sie so verschlossen sein lässt, dann hätte ich sie auch nicht verdient, wenn sie es schafft, sich mir zu öffnen und es angehen möchte, aufgeschlossener zu werden.
Nur ob sie es überhaupt anstrebt und dorthin kommen möchte, ist eine andere Sache. Eine Sache, die eine gemeinsame Zukunft zwischen uns bestimmen würde.
Ich wollte ihr ein wenig zusprechen und Mut geben. Zuvor sagte ich ihr, dass sie sich für diesen Moment von allen möglichen Vorurteilen und Erwartungen, die sie in ihrem Kopf hat, versuchen soll zu lösen, und dass sie meine Worte, die ich ihr entgegenbringe, für das nehmen soll, was sie tatsächlich aussagen:
„Ich sehe vor mir einen großartigen Menschen. Jemanden, mit dem ich mich so wohlfühle und der aus mir nur Gutes hervorbringt. Ich sehe sie für den Menschen, den sie heute verkörpert, und keine mögliche, künftige Wunschversion von ihr. Ich bin bereit, diesen Menschen auf seinem Weg, nach seinem Streben der eigenen Besserung zu unterstützen, wenn dieser Mensch dieses Streben hat.“
Von hier an wollte sie aufhören zu reden, weil ihr Kopf zu voll war und ihr das Thema zu viel wurde. Auch wurde es spät und wir beide mussten früh raus. Für mich war das in Ordnung, da ich alles in Bezug auf meinen Herzensschmerz aussprechen und erfragen konnte. Nur schweben mir jetzt ein paar weitere Fragen bzgl. ihres Traumas und des Umgangs damit vor. In ungefähr zwei Wochen werden wir diese Themen erneut aufgreifen und wahrscheinlich eine Entscheidung darüber treffen, wie es mit uns beiden weitergeht.
Warum ich an ihr so hänge? Ich erinnere mich noch ganz genau an den Tag, an dem wir uns das erste Mal gesehen und miteinander gesprochen hatten. Noch nie in meinem Leben habe ich mich so schnell in der Präsenz einer anderen Person so wohlgefühlt, und ich hatte zum ersten Mal den ehrlichen Gedanken, dass sie jemand ist, mit dem es passen könnte. Als wir anfingen zu daten, lernte ich sehr viel über mich und was ich von einer Partnerin erhalten möchte. Schnell bestätigte sich mir der Gedanke, dass sie jemand ist, mit dem ich ein gemeinsames Leben verbringen könnte und würde. Und so waren die letzten sechs Monate mit ihr, nicht nur durch die Höhen, sondern auch durch alle Tiefen, die wir erlebten, für mich eine unendlich wertvolle Zeit.
Einige Fragen stehen noch offen da. Ich bin sehr auf die Antworten gespannt. Ganz unabhängig davon, was passiert, bin ich dankbar für unsere bisherige gemeinsame Zeit. Ich liebe dich

