Die Mehrheit hat nicht immer Recht


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Ich bin leicht krank und ich überlegte, ob ich heute nicht zur Schule gehe. Doch ohne Kopfschmerzen, Schnupfen und Husten war ich gerade so fit genug. Ich entschied mich dazu, heute nicht meinen ersten Fehltag zu haben, und ich bin unendlich froh, dass ich ging, denn von diesem Tag werde ich noch lange erzählen.

Heute hatten wir ein wenig Theorie. Wir hatten bereits über Berechnungen von Nährstoffrelationen, Energiebedarf und Weiterem gelernt. Ich als jemand, der ein gutes mathematisches Verständnis hat, konnte für mich selbst unterbewusst immer bestätigen, dass das, was wir lernen, richtig ist und genauso funktioniert, wie man es uns beibrachte. Soweit war alles immer stimmig und ich kam gut zurecht. Heute lernten wir etwas Neues zu berechnen. Was genau es war, spielt keine nähere Rolle, vielmehr ging es darum, was ich erkannte und wie ich daraufhin handelte. Es entstand eine extrem lehrreiche Situation, die heute vielen Menschen half, helfen wird und langfristig als Erinnerung für ein grundlegendes Prinzip gilt, welches wir oft nicht ausleben. Als unsere Lehrerin diese neue Art der Berechnung erklärte und Beispiele dazu gab, erschien alles sehr stimmig. Doch beim Berechnen bzw. Üben anhand von Beispielaufgaben, kam mir bei den Testberechnungen irgendwann der Gedanke, dass es so, wie wir es angehen sollen, keinen Sinn ergibt. Wir kamen auf Ergebnisse, die durchaus richtig erscheinen, doch die Berechnung selbst fühlte sich nicht richtig an. Es gab in der Herangehensweise meiner Lehrerin einen unterschwelligen Logikfehler, ist das, was ich mir dachte. Mit dem Material, welches mir zur Verfügung stand, überprüfte ich meine Theorie und konnte zwei Dinge feststellen. Zum einen, dass ich damit Recht liegen muss, dass sie es uns falsch erklärt hatte, und zum anderen konnte ich mir erschließen, wie es stattdessen funktionieren muss. Denn unter Berücksichtigung des Logikfehlers und einer anderen Rechenweise, die sich daraus ergab, entstanden bei mir Ergebnisse, deren Richtigkeit keinesfalls anzuzweifeln waren.

Ich ging auf meine Lehrerin zu, um mit ihr meine Theorie zu teilen. Dass ich davon ausgehe, dass das, was wir gerade von ihr beigebracht bekommen, nicht stimmen sollte und wir unsere Berechnungen langfristig falsch durchführen würden. Zunächst erklärte ich es ihr mit mathematischem Vokabular, doch damit kam ich nicht weiter. Dieser Matheteil ist nur ein kleiner Teil von dem, was sie uns lehrt und den Beruf ausmacht. Sie selbst sei kein Mathegenie und wüsste nur, dass bestimmte Rechenwege funktionieren, und nicht genau, warum das so ist, teilte sie mir mit. Nicht weiter schlimm für mich. Ich nahm daraufhin das Material mit hinzu, wodurch ich meine eigene Theorie prüfte. Zudem verwendete ich simplere Sprache und zeigte mit meinem Finger auf die relevanten Stellen des Materials. Verstanden hatte sie es dann leider immer noch nicht. Auch äußerte sie ihre Verwirrung darüber, dass ich neben meinem scheinbaren Verständnisproblem der erste und einzige bin, der die komplette Basis ihrer Unterrichtseinheit anzweifeln würde. Andere Kurse hatte sie bereits genauso unterrichtet, zusätzlich zu ihrer jahrelangen Berufserfahrung.

Ab hier pausierten wir, da sie sich um anderweitige Dinge kümmern musste, und sie ließ uns mit einem Arbeitsauftrag, unter anderem zu dieser fälschlichen Berechnung, alleine. Ich befand mich hier in einer wirklich unangenehmen Position. Ich bin mit meiner Annahme alleine, während ich ihr Tun infrage stellte. Ich bin gerade am Anfang meiner Ausbildung und schließlich möchte ich mir auch die nächsten drei Jahre mit ihr als Lehrerin nicht ruinieren. Ich bekam richtig Bauchschmerzen, zudem, dass ich noch vom Wochenende leicht angeschlagen war. Mir ging es nicht gut und ich begann, an meiner eigenen Argumentation zu zweifeln. Ich bemerkte, dass ich an einer Gabelung stand. Ab diesem Moment hätte ich mich entscheiden können, das Thema sein zu lassen. Meiner Lehrerin einfach zu sagen, dass ich es nun verstehen würde, auch, wenn ich es nicht tue. Doch meine Theorie und die Bestätigung dieser waren lückenlos. Um abermals sicherzugehen, dass es sich hierbei um keinen Kommunikationsfehler handelte und wir beide das Richtige meinen und nur aneinander vorbeiredeten, suchte ich meine Lehrerin kurz auf und bat sie darum, mir zwei Beispiele auf einem Papier erneut vorzurechnen. Ich wollte genau verstehen, wie sie es tat, und sie war so nett, es zu tun. Dadurch erkannte ich, dass sie es uns tatsächlich nicht nur zufällig falsch erklärte, sondern aktiv ihre falsche Rechenweise verwendete. Kein Kommunikationsfehler also und nun hatte ich die Basis. Ihr Rechenweg auf einem sonst leeren Blatt Papier. Ich ging wieder zurück und malte Kreise sowie Pfeile und schrieb meine Argumentation Wort für Wort aus, um ihr hoffentlich näherbringen zu können, dass sie einen Logikfehler in ihrem Vorgehen hat, welcher zu verfälschten Ergebnissen führt.

Als sie irgendwann wieder zu uns kam, nahm ich das Gespräch mit ihr erneut auf und auch wenn sie immer noch nicht verstehen konnte, warum genau ihre Erklärungen irreführend seien, war sie offen genug, es zu prüfen. Sie nahm sich ihre Kollegin sowie ChatGPT gleichzeitig zur Hand, wie ich später erfuhr. Als sie nach über zehn Minuten fertig war, teilte sie mir mit, dass sie es tatsächlich grundlegend missverstanden hatte. Wie sie mir erzählte, fiel es ihr noch schwer, ihren Irrtum für sich selbst zu akzeptieren, weil sie es von Hand immer so berechnete und beibrachte, aber sie konnte absolut nachvollziehen, dass ich richtig liege. Schließlich bat sie mich darum, in der übrigen Zeit zur Bearbeitung des Arbeitsauftrages die Zeit zu nutzen, um dem Rest des Kurses sowie Ihr eine ordentliche Erklärung vorzubereiten. In dieser Zeit ging sie rüber in den anderen Kurs, unterbrach dort den Unterricht einer anderen Lehrkraft und klärte mit den Schülern, ob diese ihren falschen Rechenweg heute immer noch so nutzen. Da andere Lehrer es zwischenzeitlich auf die richtige Weise machten, übernahmen ein paar Schüler es blind und berechneten von dort an richtig. Andere jedoch haben den Weg meiner Lehrerin bis heute, ein Jahr später, so beibehalten und wurden nun aufgeklärt, wie dieser Teil richtig funktionieren würde. Nach meiner Vorbereitung und ihrem Marsch zum anderen Kurs stand ich dann vor der Klasse mit vorbereiteter Erklärung und Rechenbeispielen und brachte uns letztendlich alle auf den gemeinsamen, richtigen Nenner.

Das heute war verdammt unangenehm, doch es lohnte sich. Nicht nur habe ich meinem Kurs, meiner Lehrerin, dem anderen Kurs und künftigen Kursen Falschinformationen erspart, sondern ich konnte damit auch, wie bereits am Anfang gemeint, ein Prinzip untermauern: Ich war der Einzige, der jemals aufstand und gegen den Unterrichtsinhalt sprach. Ich als die Minderheit gegen meine Lehrerin mit jahrelanger Berufserfahrung und Zeit als Lehrende als die Mehrheit. Und es gilt sowohl für die Mathematik, wo sich richtig und falsch eindeutig bestimmen lässt, als auch für philosophische und gesellschaftliche Themen, bei denen richtig und falsch nicht konkret definiert ist, sondern sich abwägen lässt. Nur weil die Mehrheit etwas behauptet, bedeutet es nicht, dass es auch so ist.

Strebe stets danach, die Richtigkeit, die Moralität hinter dem, was jemand anderes dir präsentiert, zu hinterfragen und erschaffe bzw. erhalte dir dein eigenes Bewusstsein

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