Ich erlebte das Sein

Keinerlei Stimulation, ich war wie ein Stein


4–6 Minuten

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918 Wörter

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Seit gestern befinde ich mich auf einem Männerretreat. Wir sind 15+ fremde Menschen, die zusammengekommen sind, um über moderne und gesunde Männlichkeit zu diskutieren. Weit mehr als das hat jeder von uns seine eigenen Problemthemen, über welche man hier frei mit den anderen Teilnehmern sprechen darf. Es gibt ein geplantes Programm mit Workshops, Übungen und viel Zeit in der Natur. Für uns wird sogar gekocht und das Ganze findet ohne Handy statt. Gestern bei unserer Ankunft gaben wir alle unser Handy für ca. 100 Stunden ab. Kein Kontakt zur Außenwelt für uns Teilnehmer. Nur die Organisatoren hatten für Notfälle immer eines dabei. Gestern gab es erst einmal nur ein paar Übungen und wir stellten uns einander vor.

Heute, an Tag zwei, hatte der Gruppenaustausch noch nicht begonnen. Die Organisatoren wollten zunächst sicherstellen, dass wir nicht nur körperlich angekommen sind, sondern auch mental. Dafür überlegten sie sich zwei Aufgaben für uns, die wir direkt nach dem Aufstehen von 7:00 Uhr morgens bis 16:00 Uhr am Nachmittag machen sollten:

  • Fasten, also weder Frühstück, noch Mittag, damit sich unser Körper zurücksetzt
  • Still sein und einander weder in die Augen sehen noch mit Gestik oder Mimik kommunizieren, damit wir mal wirklich für uns sind und erkennen, was in unserem Kopf alles abgeht

Wir wurden geweckt und die Schweige- und Fastenzeit begann. Ich wollte mir nicht sofort eine Beschäftigung suchen, sondern vielmehr meinen Gedanken freien Lauf lassen und sehen, wo es mich hinführt. Zunächst dehnte ich mich, machte einen Spaziergang und ließ ein wenig Zeit vergehen, ohne zu wissen, wohin mit mir. Andere Teilnehmer machten Sport, gingen baden oder lasen ein Buch. Diese Dinge hätte ich auch machen können, und ich war kurz davor, bis mir einfiel, was ein Organisator gestern zu dieser Übung sagte. Es war nicht einmal stark im Fokus, er sagte es nur in einem Nebensatz, doch ich musste daran denken, wie er sagte, dass wir die Chance haben, absolute Langeweile zu erfahren, und er hat recht, dachte ich mir. Wann in meinem Alltag mache ich mal wirklich Nichts? Immer gibt es irgendwelche Reize, die auf mich einpfeffern.

Es war ca. 9:35 Uhr. Ich nahm mir einen Stuhl und suchte nach einem Platz zum Sitzen. Ich entschied mich, ins Haus zu setzen, wo es schattig war. Vor mir eine geöffnete Fenstertür, mit Blick auf die Holzterrasse des Hauses und dahinter eine riesige Wiese. Ich sah auf meine Armbanduhr und es war 9:45 Uhr. Ich stellte mir einen Wecker auf 13:45 Uhr mit der Intention, auf diesem Stuhl sitzen zu bleiben. Kein Aufstehen und keine andere Beschäftigung, bis der Wecker ertönt. Zeit, in welcher ich ausschließlich für mich bin. Meine Armbanduhr legte ich umgedreht auf den Boden und es ging los.

Bereits nach, was ich schätze, zehn Minuten, begann mein Körper durch den Bewegungsmangel, weh zu tun. Besonders mein Hintern, da der Stuhl wirklich unbequem war. Je länger ich dort saß, desto unerträglicher wurde es. Ich dachte an kaum etwas anderes mehr, als abzubrechen. Wie kann ich diese Schmerzen auch nur Minuten ertragen, wenn noch Stunden vor mir liegen? Zunächst sagte ich mir, dass ich es noch ein wenig weiter machen und versuchen werde, dem Prozess zu vertrauen. Kurz darauf fielen mir weitere Worte des einen Organisators ein. Er sagte uns am Vortag, dass, wenn wir einen Impuls verspüren, wie z.B. ein Kratzen, wir es immer noch durchführen dürfen, nur sollen wir mal versuchen, Impulsen nicht einfach so nachzugehen, sondern entweder bewusst oder sie evtl. sogar ganz sein zu lassen.

Als ich das nächste Mal einen Juckreiz verspürte, erkannte ich diesen, und vielmehr erkannte ich, wie ich mich vorher immer unbewusst kratzte. Ich stoppte die Bewegung meines Armes in Richtung der juckenden Stelle an meinem Kopf und bewegte meinen Arm wieder langsam in seine Ausgangsposition. Mich störte das Gefühl sehr, doch irgendwann war es weg. Mehr und mehr kleine Juckreize entwickelten sich und alle ignorierte ich, bis sie schlussendlich wieder verschwanden. Irgendwann wurden meine Schmerzen am ganzen Körper weniger und das grelle Tageslicht wurde angenehmer für meine Augen. Unkontrolliert begann ich, mit einer hohen Intensität zu lächeln. Meine Gedanken wurden immer leerer. Das Ganze immer länger mit kürzeren Abständen zwischen den Phasen, und irgendwann war gar nichts mehr. Kein Reiz, kein Gedanke. Wahrlich keine Art der Stimulation, die ich für mich wahrnahm. Ich war in totalem Einklang mit mir selbst und meiner Umgebung.

Irgendwann ertönte meine Armbanduhr. Tatsächlich war es 13:45 Uhr und ich saß für vier Stunden auf diesem Stuhl. In dem Moment, als der Alarm ertönte, war ich raus aus meiner eigen geschaffenen Trance. Meine Schmerzen waren sofort wieder da. Voller Erschöpfung fiel ich vom Stuhl nach vorn auf alle Viere herunter. Ich brauchte einen Moment, um mich wieder zu fassen. Dann verspürte ich eine Mischung aus Zufriedenheit, Stolz und Erleichterung. Ehe ich an irgendetwas anderes denken konnte, sah ich vor mir die große Wiese, auf welche die pralle Sonne schien. Noch nicht komplett erholt von den Schmerzen, stand ich auf, sprintete über die Terrasse und sprang mit einem Köpper auf die Wiese. Ich lag und wälzte mich dort für ca. 15 Minuten. Noch nie habe ich eine solch hohe Form der Befriedigung verspürt. Pure Dankbarkeit fürs Leben.

Die Zeit danach machte ich noch bei einer gemeinsamen Übung im Stillen mit, bis wir dann um 16 Uhr das Fasten gemeinsam mit einem Tisch voller geschnittenem Obst brachen. Auch hier verspürte ich eine riesige Befriedigung und Essen schmeckte mir noch nie so sehr.

Es war das Beste, was ich bisher in meinem Leben tat, und es bestärkte mich unendlich darin, Prozessen zu vertrauen

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