Meine Extremseite in der Arbeitswelt

Ich kann nicht anders, als Regeln zu befolgen


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Mein heutiger Arbeitstag war sehr anstrengend. Zum einen, weil die fehlerhafte Arbeit meiner Kollegen mir zur Last wurde, und zum anderen auch, weil mein moralischer Kompass zu festgefahren ist und mich dadurch gewisse Dinge richtig stören.

Für Kontext: Mein Vater ist ein Krimineller. Seit ich klein war, sagte ich mir daher immer: „So will ich nicht sein.“ Kein Regelbrecher. Kein Lügner. Jemand, der für andere Menschen und sich selbst ausschließlich Gutes im Sinn hat.

Wenn also meine Kollegen sich nicht an Regeln halten oder ihre Arbeit nicht vollständig erledigen, ist das schwierig für mich. Mein Kopf versteht, dass manchen der Job nicht so wichtig ist oder, dass die, die eine Nebentätigkeit haben, vielleicht nicht so investiert sind wie Vollzeitbeschäftigte. Genauso versteht mein Kopf auch, dass es in Bezug auf Regeln Grauzonen gibt, in denen man sich bewegen darf. Doch mein Nervensystem kann es nicht begreifen und es lässt mich miserabel fühlen. Mir wird extrem unwohl, weil mein festgefahrener moralischer Kompass mich mit den folgenden Dingen permanent anschreit:

  • Acht Stunden Arbeitszeit sind acht Stunden Arbeitszeit, egal wie das eigene Angestelltenverhältnis ist, und diese hat man optimal zu nutzen
  • Regeln zu brechen und sich dauerhaft in Grauzonen zu bewegen, tut dem Betrieb nicht gut und stellt ein Selbstrisiko dar

Warum sollte ich mir überhaupt so viel Mühe geben, wenn andere es nicht tun und dafür nicht bestraft werden? An manchen Tagen zweifle ich sehr stark an meinen Prinzipien und verspüre einen innigen Wunsch, anders zu sein. Nichts auf der Arbeit oder in der Arbeitswelt allgemein stört mich so sehr wie die Normalität der Grauzone. Es ist zwar anstrengend, so zu ticken, wie ich, letzten Endes bin ich jedoch immer wieder froh, dass ich so bin, wie ich bin. Es lässt mich gute Arbeit vollbringen, auf die ich stolz sein kann. Auch stehen meine tief ausgeprägte Ehrlichkeit und Integrität in starker Verbindung dazu, und diese Werte möchte ich niemals aufgeben oder auch nur leicht ankratzen.

Mir ist bewusst, dass ich mich auf einer Extremseite befinde, zwar auf die beste Art und Weise, aber immer noch eine Extremseite. Was ich bereits aus anderen Teilbereichen meines Lebens für mich erfahren durfte, ist, dass es Extremseiten braucht, um zu erkennen, wo sich die eigene Mitte befindet, welche man anstreben möchte. Genauso weiß ich, dass es möglich ist, die eigene Mitte zu erreichen, weil ich es bei anderen Dingen bereits geschafft habe.

Allerdings weiß ich auch, dass ich es hierbei gar nicht möchte. Wie bereits gesagt, bin ich stolz auf meine Extremseite. Was ich jedoch langfristig ändern möchte, ist mein Umfeld. Ich werde versuchen, mich aus der klassischen Arbeitswelt zu entfernen, oder einen Job zu finden, in welchem ich ohne die Existenz von Grauzonen arbeiten kann.

Das wird schwierig, aber dieses Streben lässt mich weitermachen und ich bin gespannt, wo ich eines Tages landen werde

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